Viele Menschen fragen sich vor dem Eintritt ins Pflegeheim, wie der Alltag dort aussieht. Gibt es feste Zeiten? Wie viel Freiraum bleibt? Welche Aktivitäten werden angeboten? Dieser Artikel gibt einen detaillierten Einblick in einen typischen Tagesablauf in einem Schweizer Pflegeheim und zeigt, wie Struktur und individuelle Bedürfnisse in Einklang gebracht werden.
Grundprinzip: Struktur und Flexibilität
Schweizer Pflegeheime folgen dem Prinzip, eine klare Tagesstruktur anzubieten, ohne den Bewohnerinnen und Bewohnern ihre Autonomie zu nehmen. Ein geregelter Tagesablauf gibt Orientierung und Sicherheit, besonders für Menschen mit Demenz oder kognitiven Einschränkungen. Gleichzeitig wird Wert darauf gelegt, individuelle Wünsche und Gewohnheiten so weit wie möglich zu respektieren.
Die meisten Heime arbeiten mit einem Zeitraster für Mahlzeiten, Pflege und Aktivitäten, innerhalb dessen aber persönliche Freiräume möglich sind. Wer länger schlafen möchte, kann dies oft tun. Wer lieber im Zimmer frühstückt als im Speisesaal, wird dabei unterstützt.
Flexibilität möglich
Der hier beschriebene Tagesablauf ist ein Durchschnitt und kann je nach Heim, Pflegestufe und individuellen Bedürfnissen variieren. Bei der Besichtigung eines Pflegeheims sollten Sie gezielt nach der Tagesstruktur fragen und erfragen, welche Flexibilität möglich ist.
Morgen: Aufstehen und Pflege (ca. 6:00 bis 9:00 Uhr)
Wecken und Körperpflege
Der Tag beginnt für die meisten Bewohnerinnen und Bewohner zwischen 6:00 und 8:00 Uhr. Pflegefachpersonen und Fachpersonen Gesundheit (FaGe) gehen von Zimmer zu Zimmer und helfen beim Aufstehen, bei der Körperpflege (Waschen, Duschen, Anziehen) und bei Bedarf beim Gang zur Toilette.
Bei Menschen mit höherem Pflegebedarf kann die Morgenpflege bis zu 45 Minuten dauern und umfasst:
- Körperpflege im Bett oder Badezimmer
- Hilfe beim Ankleiden
- Verabreichung von Morgenmedikamenten
- Unterstützung beim Transfer vom Bett in den Rollstuhl
- Blutzuckermessung oder andere medizinische Kontrollen
Frühstück (ca. 7:30 bis 9:00 Uhr)
Das Frühstück wird entweder im Speisesaal oder auf dem Zimmer eingenommen. Im Speisesaal haben Bewohnerinnen und Bewohner die Möglichkeit, in Gesellschaft zu essen und soziale Kontakte zu pflegen. Es gibt in der Regel:
- Brot, Butter, Konfitüre, Honig
- Käse und Aufschnitt
- Müesli, Joghurt
- Kaffee, Tee, Milch, Fruchtsäfte
- Spezielle Kost nach ärztlicher Verordnung (püriert, Diabetiker-geeignet, etc.)
Personen, die Unterstützung beim Essen benötigen, werden vom Pflegepersonal begleitet. Viele Heime setzen dabei auch auf Freiwillige oder Zivildienstleistende, die beim Essen helfen und Gespräche führen.
Vormittag: Aktivierung und Therapie (ca. 9:00 bis 12:00 Uhr)
Nach dem Frühstück beginnt der aktivierende Teil des Tages. Je nach individuellem Bedarf und Interesse gibt es verschiedene Angebote:
Aktivierungstherapie
- Gedächtnistraining: Rätsel, Wortspiele, Erinnerungsarbeit
- Bewegungsübungen: Sitzgymnastik, leichte Physiotherapie
- Kreative Angebote: Malen, Basteln, Handarbeit
- Musiktherapie: Singen, Musizieren, Musikhören
- Backen oder Kochen: In einer speziell ausgestatteten Wohnküche
Physiotherapie und Ergotherapie
Bewohnerinnen und Bewohner, die auf ärztliche Verordnung Therapien erhalten, werden vom Pflegepersonal zu den Therapieräumen begleitet. Physiotherapie dient der Erhaltung oder Verbesserung der Mobilität, Ergotherapie unterstützt die Selbstständigkeit im Alltag.
Freie Zeit
Wer nicht an Aktivitäten teilnehmen möchte, kann den Vormittag frei gestalten:
- Im Zimmer lesen, fernsehen oder ausruhen
- Im Garten spazieren gehen (allein oder mit Begleitung)
- Im Aufenthaltsraum mit anderen plaudern
- Besuch von Angehörigen empfangen
Besuchszeiten
In den meisten Schweizer Pflegeheimen sind Besuche grundsätzlich jederzeit möglich. Es gibt keine starren Besuchszeiten. Angehörige werden ermutigt, so oft wie möglich zu kommen und sich auch aktiv am Tagesablauf zu beteiligen, etwa beim Essen, bei Spaziergängen oder Aktivitäten.
Mittag: Hauptmahlzeit und Mittagsruhe (ca. 12:00 bis 14:00 Uhr)
Mittagessen (ca. 12:00 bis 13:00 Uhr)
Das Mittagessen ist die Hauptmahlzeit des Tages. Es wird entweder im Speisesaal oder auf dem Zimmer serviert. Die Mahlzeit umfasst in der Regel:
- Vorspeise (Suppe oder Salat)
- Hauptgang (Fleisch, Fisch oder vegetarisch mit Beilage)
- Dessert (Früchte, Joghurt, Süssspeise)
Viele Heime bieten eine Menüauswahl, bei der Bewohnerinnen und Bewohner zwischen zwei oder drei Gerichten wählen können. Auch hier werden spezielle Ernährungsbedürfnisse berücksichtigt (Diabetes, pürierte Kost, kulturelle oder religiöse Vorschriften).
Mittagsruhe (ca. 13:00 bis 14:00 Uhr)
Nach dem Mittagessen folgt oft eine Ruhephase. Viele Bewohnerinnen und Bewohner ziehen sich zurück, um zu schlafen oder auszuruhen. Das Pflegepersonal nutzt diese Zeit für administrative Aufgaben, Dokumentation und Übergabegespräche bei Schichtwechsel.
Nachmittag: Soziale Aktivitäten und Pflege (ca. 14:00 bis 18:00 Uhr)
Nachmittagsaktivitäten
Am Nachmittag werden wieder verschiedene Aktivitäten angeboten:
- Gesellschaftsspiele (Jass, Lotto, Bingo)
- Vorlesestunden oder Gesprächsrunden
- Spaziergänge im Garten oder in der Umgebung
- Konzerte, Lesungen oder kulturelle Veranstaltungen
- Religiöse Angebote (Gottesdienste, Andachten, Seelsorge)
Zvieri (ca. 15:00 bis 15:30 Uhr)
Am Nachmittag gibt es eine kleine Zwischenmahlzeit (Zvieri), meist bestehend aus Kaffee oder Tee und Gebäck. Dies ist oft eine gesellige Zeit, in der Bewohnerinnen und Bewohner zusammenkommen.
Nachmittagspflege
Je nach Bedarf werden am Nachmittag weitere pflegerische Massnahmen durchgeführt:
- Toilettengänge und Inkontinenzversorgung
- Lagern und Mobilisieren bettlägeriger Personen
- Wundversorgung
- Medikamentengabe
Abend: Abendessen und Nachtruhe (ca. 18:00 bis 21:00 Uhr)
Abendessen (ca. 18:00 bis 19:00 Uhr)
Das Abendessen ist in der Regel eine leichte Mahlzeit, oft kalt:
- Brot, Käse, Aufschnitt
- Salate
- Suppe (an kalten Tagen)
- Tee, Milch, Fruchtsäfte
Auch hier besteht die Möglichkeit, im Speisesaal oder auf dem Zimmer zu essen. Das Abendessen ist oft eine ruhige, entspannte Zeit, in der Bewohnerinnen und Bewohner den Tag ausklingen lassen.
Abendpflege (ca. 19:00 bis 20:30 Uhr)
Nach dem Abendessen beginnt die Abendpflege:
- Hilfe beim Ausziehen und bei der Abendtoilette
- Zahnpflege, Gesichtspflege
- Verabreichung von Abendmedikamenten
- Bettfertigmachen, Lagerung
- Nachtinkontinenzversorgung
Bewohnerinnen und Bewohner, die noch mobil sind, können noch fernsehen, lesen oder sich mit anderen unterhalten. Es gibt keine feste Schlafenszeit, aber die meisten gehen zwischen 20:00 und 21:00 Uhr ins Bett.
Nachtdienst (ab ca. 21:00 Uhr)
Während der Nacht ist ein Nachtdienst-Team im Einsatz, das regelmässig Kontrollrunden macht und bei Bedarf hilft:
- Toilettengänge oder Inkontinenzversorgung
- Lagern von bettlägerigen Personen zur Dekubitusprophylaxe
- Beruhigung bei Unruhe oder Verwirrtheit
- Notfallversorgung bei akuten Problemen
Viele Zimmer sind mit einem Rufknopf ausgestattet, sodass Bewohnerinnen und Bewohner jederzeit Hilfe rufen können.
Wochenende und besondere Tage
Am Wochenende läuft der Tagesablauf grundsätzlich ähnlich ab, allerdings gibt es oft weniger Therapien und Aktivierungsangebote. Dafür haben viele Heime spezielle Wochenendaktivitäten:
- Gemeinsame Gottesdienste am Sonntag
- Familienbrunch oder Mittagessen mit Angehörigen
- Filmvorführungen
- Ausflüge (bei gutem Wetter)
An Feiertagen und zu besonderen Anlässen (Geburtstage, Weihnachten, Ostern, Fasnacht) werden oft Feste organisiert, die den Alltag auflockern und für Abwechslung sorgen.
Individuelle Anpassungen
Der beschriebene Tagesablauf ist ein allgemeiner Rahmen. In der Praxis wird stark auf individuelle Bedürfnisse eingegangen. Menschen mit Demenz, die nachts wach sind und tagsüber schlafen, werden nicht zu starren Zeiten geweckt. Menschen, die es gewohnt sind, sehr früh oder sehr spät zu frühstücken, erhalten angepasste Lösungen. Die Pflegeplanung ist personenzentriert.
Fazit: Struktur mit Raum für Individualität
Der Tagesablauf in einem Schweizer Pflegeheim folgt einer klaren Struktur, die Orientierung und Sicherheit bietet. Gleichzeitig legen moderne Pflegeheime grossen Wert darauf, individuelle Bedürfnisse, Gewohnheiten und Wünsche zu respektieren. Niemand wird gezwungen, an Aktivitäten teilzunehmen oder zu festen Zeiten aufzustehen.
Ein gut organisiertes Pflegeheim schafft es, professionelle Pflege, medizinische Versorgung, soziale Aktivierung und persönliche Freiheit in Einklang zu bringen. Bei der Auswahl eines Heims sollten Sie gezielt nach der Tagesstruktur fragen und auch einen Tag zur Probe verbringen, um zu erleben, wie der Alltag wirklich aussieht.